Ethik

Mitleid

Dalai Lama

Alle bedeutenden Religionen heben die Wichtigkeit der Entwicklung von Liebe und Mitgefühl hervor. In der philosophischen Tradition des Buddhismus werden diesbezüglich verschiedene Verwirklichungsstufen beschrieben. Auf der ersten Stufe wird unter Mitgefühl das Einfühlungsvermögen verstanden, also die Fähigkeit, sich in andere Lebewesen hineinzuversetzen und ihr Leid zu teilen. Dieses Mitgefühl kann wie von selbst in Erscheinung treten und ist zugleich bedingungslos. Es macht keine Unterschiede und ist allumfassend. Ein Gefühl der Nähe zu allen anderen Lebewesen entsteht.
Doch dieses Gefühl wird nicht als Ende der Entwicklung betrachtet, sondern eher als Sprungbrett zu einer noch größeren Liebe.


Wenn wir unsere Empfänglichkeit für das Leid anderer steigern, indem wir ihm uns bewusst öffnen, kann uns das Leid anderer derart bewegen, dass wir ein alles übersteigendes Verantwortungsbewusstsein empfinden. Dies veranlasst mitfühlende Menschen sich ganz und gar dem anderen Wesen zu widmen und ihm zu helfen, sowohl das Leid als auch dessen Ursache zu überwinden. Im Tibetischen wird diese höchste Stufe das "große Mitgefühl" genannt.
Diese Stufe muss man aber nicht erreichen, um ein ethisch stimmiges Leben zu führen. Allein das Ideal im Auge zu behalten wird bereits einen enormen Einfluss auf unsere Lebenseinstellung haben. Die Wirkung beruht auf der schlichten Erkenntnis, dass alle höher entwickelten Lebewesen glücklich und zufrieden sein und nicht leiden wollen.


Wie sieht das nun mit den Tieren aus.
Es ist doch so, dass Tieren im Dienste der wissenschaftlichen Forschung entsetzlich viel Leid angetan wird, ehe sie getötet werden. Ich möchte nur soviel sagen, dass solche Praktiken für einen Buddhisten äußerst entsetzlich sind. Als positive Entwicklung sehe ich z.B., dass immer mehr Menschen am Schicksal der Tiere Anteil nehmen, auch im Hinblick auf die Massentierhaltung, und sich einer vegetarischen Lebensweise zuwenden.