| Tierschutz ist kein Anlass zur Freude, sondern eine Aufforderung,
sich zu schämen, dass wir ihn überhaupt brauchen.
Diese Scham wird von den christlichen Kirchen nicht geteilt. Diese unsere
christliche Gesellschaft in diesem unserem christlichen Abendland lebt in einer beispiellosen
Ehrfurchtlosigkeit vor der Schöpfung.
Vom Robbenschlachten im hohen Norden bis zum Vogelmord im Süden, von der Vernichtung
der Regenwälder im Westen bis zur Ausrottung der Wale in den fern/ouml;stlichen Meeren,
auf der ganzen Linie liefert der Mensch den Beweis, dass es nie eine heuchlerischere
Anmaßung gab als die, sich selbst "Krone der Schöpfung" zu nennen.
In Wahrheit ist der Mensch ihr gefährlichster Ausbeuter und ihr
größter Zerstörer. Und der Würde der Menschen, diesem hohen
Verfassungsgut, dessen Unantastbarkeit unsere Politiker so gerne betonen, schlägt
die gigantische industrialisierte Massenquälerei brutal ins Gesicht.
Es ist kein Zeichen von Menschenwürde, schwächere Lebewesen auszubeuten und
zu quälen. Tiere sind schwach. Wenn wir ihre Schwäche ausnutzen, wenn wir mit
ihrem unnötigen Leiden und mit ihrem unnätigen Sterben unseren Wohlstand und
unseren Luxus mehren, wenn wir für jeden beliebigen Nutzen jedes beliebige Tieropfer
fordern, dann haben wir unsere Menschenwürde verspielt und verdienen es nicht,
eine sittliche Rechtsgemeinschaft genannt zu werden.
Und die Kirchen?
Was ist mit Kirche Und Tierschutz?
Ich muss an dieser Stelle deutlich werden:
Wenn einst die Geschichte unserer Kirche geschrieben wird, dann wird das Thema "Kirche und
Tierschutz" im 20. Jahrhundert ein ebenso schwarzes Kapitel darstellen wie einst das Thema
"Kirche und Hexenverbrennung" im Mittelalter.
Und so wie die Kirchen im 19. Jahrhundert bei der sozialen Frage versagten und die Arbeiter aus
der Kirche heraus trieben, so versagen sie heute im Tier- und Naturschutz und treiben die
Tierschützer aus der Kirche heraus.
Denn für Tierschutz hält sich die Kirche nicht zuständig.
Kirche sei für die Menschen da. Aber dieser Mensch ist doch gerade nach biblischer und kirchlicher
Lehre ein Geschöpf Gottes inmitten anderer Geschöpfe Gottes. Er lebt als Geschöpf
in der Schöpfung.
Noch deutlicher: Der Mensch hat von Gott her das Amt Haushalter und nicht Ausbeuter
der göttlichen Schöpfung zu sein. Allmählich gewinnt die Kirche diese Einsicht zurück.
Aber viel zu lange hat auch die Kirche statt vom Heil der Schöpfung nur vom Heil des Menschen
gesprochen.
Auf dem Kriegsschauplatz Natur dagegen und in dem Verbrecherstück der industrialisierten
Tierquälerei tritt die Kirche nicht einmal als Samariter auf.
Die Ehrfurcht vor allem Lebendigen, diese im Namen des Dreieinigen Gottes ureigenste Domäne,
überlassen die christlichen Kirchen den Natur- und Tierschützern.
Dass man Franz von Assis verehrt und Albert Schweitzer als Genie der Menschlichkeit
feiert, genügt hier nicht!
Woher kommt diese Tiervergessenheit in der Kirche?
Nun, es liegt daran, dass die Ethik, die theologische wie die philosophische, meint, sie habe es
nur mit dem Verhalten des Menschen zum Menschen und zur Gesellschaft zu tun.
Was wir heute erleben, ist ein mit dem Rechenstift ausgeklügeltes schreckliches Höllenspiel,
in dem wir unsere Nutztiere in der Massentierhaltung zu Tiermaschinen herabstufen.
Die Übermenge an Eiern, Fleisch und Butter, die die westlichen Wohlstandsgesellschaften auf
diese Weise produzieren, ist mit menschenunwürdiger Tierquälerei bezahlt.
Dabei ist die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben biblisch. Die Bibel Alten und
Neuen Testamentes ist voller Zeugnisse von Gottes Fürsorge für alle Geschöpfe. Weil das
Gut sein zu den Tieren eine Selbstverständlichkeit ist, darum hat man das Zentrum des christlichen
Glaubens, die Dahingabe des Lebens Jesu für die Sünden der Menschen, mit dem Bilde vom guten
Hirten umschrieben:
"Ich bin der gute Hirte, der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe."
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