Als erstes wollen wir einer Frau zuhören, Gertrud der
Großen (1256-1301), die im berühmten Kloster Helfta (bei Eisleben) lebte und
wirkte. Ein Kloster, das nach völliger Zerstörung vor wenigen Jahren wieder
aufgebaut wurde und wo heute wieder Zisterzienserinnen leben.
Gertrud die Große gilt als die bedeutendste deutsche Mystikerin. In ihrem Hauptwerk
"Gesandter der göttlichen Liebe" schrieben im ersten Teil des Buches zwei
Mitschwestern über ihre herausragenden menschlichen und religiösen Eigenschaften,
u.a. mit dem Leitwort "Ihre mitleidige Liebe":
"Aber nicht allein zu den Menschen, sondern vielmehr zu aller
Kreatur fühlte sie Mitleid und Liebe, ob es nun ein Vogel oder ob es vierfüßige
Tiere waren. Sobald sie sah, dass Tiere Beschwerden, sei es Hunger, Durst oder Kälte erduldeten,
fühlte sie im Innersten ihres Herzens Mitleid mit denen, die ihr Herr gemacht hatte.
Und sie bemühte sich andächtig, jenes Leiden der unvernünftigen Kreatur dem Herrn
zum ewigen Lob darzubringen, in Vereinigung mit der Würde, in der jedes Geschöpf in ihm
selbst auf das höchste vollendet und geadelt ist. Sie erflehte vom Herrn, er möge sich seiner
Kreatur erbarmen und gnädig deren Schmerz lindern."
Dieser kurze Text lädt uns Satz für Satz zum Nachdenken ein:
Gertruds Herr ist auch Herr und Schöpfer der Tiere. Das bedeutet, wie jeder Mensch
ein verwirklichter Schöpfungsgedanke Gottes ist, so sind es entsprechend auch die Tiere.
Sie haben ein ewiges, gleichsam exemplarisches Sein im Schöpfungsplan Gottes, in der
"ewigen Kunst", wie franziskanische Theologen es zur Zeit Gertruds ausdrückten.
Das macht Würde, Adel und Vollendung jedes Geschöpfes aus, auch der Tiere.
Im Blick darauf bringt die heilige Gertrud die Leiden der Tiere als ein Bitt- und Lobopfer
Gott dar. Was Gertrud hier tut, ist nichts anderes, als der Vollzug des allen Menschen
gemeinsamen Priestertums, wie wir als Christen es nennen, was letztlich auch die Basis
für unseren Dienst an den Tieren ist, auch wenn wir meist uns dessen kaum bewusst sind.
Franz von Assisi hat diesen Dienst mit seinem Sonnengesang wie auch in der praktischen
Sorge für notleidende Tiere vollzogen.
***
Der zweite Text ist diesmal der großen Weltliteratur entnommen und zwar dem
6. Buch des letzten Romans von Fjodor M. Dostojewskij (1821-1881) "Die Brüder Karamasow".
Dieses 6. Buch trägt den Titel "Ein russischer Mönch" und kann unter Umständen
auch unabhängig von dem sehr umfangreichen Roman mit großem Gewinn für sich allein gelesen
werden.
Dieses 6. Buch enthält den sehr bewegenden Werdegang des Starez Sossima sowie seine geistliche
Lehre, in der die Tiere, ja die ganze Schöpfung eine wichtige Rolle spielen. Aus seinen
Wanderjahren berichtet Starez Sossima von dem Gespräch mit einem jungen Mann folgendes:
"Alles ist schön", sagte der junge Mann.
"Wahrhaftig", antwortete ich ihm,
"alles ist schön und herrlich, denn alles ist Wahrheit. Rührend ist es zu wissen,
dass keinerlei Sünde auf ihnen lastet, denn alles ist vollkommen, alles außer dem Menschen
ist frei von Sünde, und Christus ist noch eher mit ihnen als mit uns."
"Ist denn Christus wirklich auch mit ihnen?" fragte der Jüngling.
"Wie könnte es denn anders sein", sagte ich zu ihm, "da das Wort für alle
bestimmt ist; die ganze Schöpfung und jede Kreatur, jedes Blättchen strebt hin zum Wort,
preist Gott, weint zu Christo, sich selbst unbewusst, und vollbringt die Kraft des Geheimnisses
seines sündenlosen Daseins."
"Siehe", sagte ich zu ihm, "dort im Walde lebt der schreckliche Bär, er ist
grausam und wild und trägt doch in keiner Weise Schuld daran."
Und ich erzählte ihm, wie einmal ein Bär zu einem großen Heiligen kam, der im
Walde in einer kleinen Zelle ein Büßerleben führte, und der große Heilige
erbarmte sich seiner, kam furchtlos zu ihm heraus und gab ihm ein Stück Brot.
"Geh", sagte er, "Christus sei mit dir."
Und das grimmige Tier ging gehorsam und sanft davon, ohne ihm etwas zuleide zu tun.
In seinen Belehrungen sagte Starez Sossima folgendes:
"Brüder lasst euch nicht abschrecken durch die Sünde der Menschen, liebt den
Menschen auch in seiner Sünde, denn das gleicht der Liebe Gottes und ist Gipfel der
Liebe auf Erden. Liebt die ganze Schöpfung Gottes, das gesamte All, wie auch jedes
Sandkörnchen. Jedes Blättchen liebt, jeden Sonnenstrahl Gottes! Liebt die Tiere,
liebt die Pflanzen, liebt jegliches Ding.
Wer jegliches Ding liebt, wird auch das Geheimnis Gottes in den Dingen erfassen.
Hat er's einmal erfasst, so wird er es auch Tag für Tag immer mehr erkennen.
Brüder, Liebe ist unsere Lehrmeisterin, doch man muss sie zu erwerben wissen,
sie ist schwer zu erwerben, sie wird teuer erkauft durch beharrliche Arbeit und erst
nach langer Zeit, denn man soll ja nicht zufällig und nur für einen Augenblick
lieben, sondern für immer.
Auf Erden aber irren wir fürwahr umher und hätten wir nicht Christi kostbares
Vorbild vor Augen, so wauml;ren wir verloren und verirrten uns völlig ....
Vieles auf Erden ist uns verborgen, doch stattdessen ist in unserem tiefsten Inneren
das Gefühl unserer lebendigen Verbundenheit mit einer anderen Welt gegeben,
einer erhabenen und höheren Welt. Die Wurzeln unserer Gedanken und Gefühle
ruhen nicht hier, sondern in anderen Welten ....
Doch alles, was uns aufgegangen ist, lebt und ist lebendig allein dank dem Gefühl
seiner Berührung mit geheimnisvollen anderen Welten, erlahmt in dir dieses Gefühl
oder hört es auf, so stirbt auch, was in dir aufgekeimt ist."
***
Hier schließt sich der Ring unserer Betrachtungen:
Die geheimnisvolle andere höhere Welt Dostojewskijs entspricht in etwa der
ewigen Welt der schöpferischen Innerlichkeit Gottes, wie wir sie bei der heiligen
Gertrud der Großen kennen gelernt haben und in der wir uns mit allen geliebten Wesen
verbunden glauben dürfen.
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