Tiere und Religionen

Aus der Welt der Religionen

Altabt Emmanuel Jungclaussen
OSB Niederalteich

In diesem Beitrag möchte ich mit Hilfe von drei Texten aus der Welt der Religionen versuchen, dass Sie durch deren Betrachtung Ihre persönliche Beziehung zu den Geschöpfen, zumal den Tieren, vertiefen können.


Den ersten Text hat uns der große indische Weise Ramakrishna (1836-1886) geliefert.


Ein armer Bauernknabe kam zu einem heiligen Manne und wollte sich von ihm belehren lassen, wie er Gott finden könne. Der Heilige antwortete:
"Liebe Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele."
Der Knabe erwiderte: "Ich habe Gott noch nie gesehen, ich kenne ihn nicht und weiß nichts von ihm; wie kann ich ihn da lieben?"
Der Heilige forschte nun, was ihm wohl auf der Welt das Liebste sei, worauf der Knabe erklärte, weder Vater noch Mutter, weder Geschwister noch Freunde zu haben. Statt dessen besitze er ein Schäfchen, dem sein ganzes Herz gehöre.
Der heilige Mann war zufrieden und ermunterte den Knaben: "Sehr wohl, pflege du dein Schäfchen und liebe es von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt, denn wisse, und denke immer daran, dass Gott im Herzen deines Schafes wohnt."


Darauf verdoppelte der Junge seine liebende Hingabe für sein teures Schäfchen, eingedenk der Worte des Heiligen, Gott habe seine Wohnstätte in dessen Herz.


Nach langer Zeit besuchte der heilige Mann den Knaben und erkundigte sich, wie es ihm ergehe. Dieser begrüßte seinen Lehrer ehrfürchtig und sprach:
"Ehrwürdiger Meister, ich danke dir für deine Unterweisung. Ich bin froh, deine Vorschrift genau befolgt zu haben, denn hin und wieder sehe ich in meinem Schäfchen eine wunderschöne Gestalt mit vier Händen (Sinnbild der Gottheit), deren Anblick mich über alle Maßen glücklich macht."


Eine Fülle von Tierlegenden durchzieht das Leben des heiligen Franz von Assisi (1182 - 1226): von der Vogelpredigt bis zur Zähmung des Wolfes von Gubbio.


Ein früher Biograph, Thomas von Celano, schreibt über die Liebe des heiligen Franz zu den beseelten und unbeseelten Geschöpfen:
"Was er in der geschaffenen Welt fand, führte er zurück auf den Schöpfer, und durch das, was sich seinem Auge an Lieblichem bot, schaute er hindurch auf den lebenspendenden Urgrund der Dinge.
... Mit unerhörter Hingebung und Liebe umfasste er alle Dinge, redete zu ihnen vom Herrn und forderte sie auf zu seinem Lobe. ... Mit dem Namen "Bruder" (und "Schwester", so im Sonnengesang) rief er alle Lebewesen, wenn er auch von allen Tieren die zahmen bevorzugt liebte. Wer könnte hinreichend alles aufzählen?
Jene Urgüte, die einst alles in allem sein wird, erhellte ja diesem Heiligen schon hienieden alles in allem."


In dritten Text versucht ein Benediktiner unserer Tage, David Steindl-Rast, eine schlichte Wesensbestimmung von "Liebe" zu geben, in der auch die Tierliebe ihren Platz hat.


"Wenn wir nach den Charakteristika von Liebe fragen, die für jede ihrer Formen zutrifft, dann finden wir zumindest zwei:
ein Bewusstsein des Zusammengehörens und die aus ganzem Herzen kommende Annahme dieses Zusammengehörens mit all seinen Folgen.
Dies zwei Charakteriszika sind für jede Art von Liebe typisch, von der Liebe zur Heimat bis zur Liebe zu einem Haustier, während leidenschaftliche Anziehung nur für das Sich-verlieben typisch ist. Liebe ist ein "Ja" aus ganzem Herzen zum Zusammengehören."


David Steindl-Rast, Fülle und Nichts. Von innen her zum Leben erwachen, Herder/Spektrum, Band 5026, S. 180f.


Alle drei Texte aus der Welt der Religionen können, wiederholt gelesen und durchdacht, hoffentlich eine Ermutigung für Sie sein, den Weg des Tierschützers beherzt weiterzugehen. Dazu wünsche ich Ihnen Gottes Segen.