In diesem Beitrag möchte ich mit Hilfe von drei Texten aus der
Welt der Religionen versuchen, dass Sie durch deren Betrachtung Ihre persönliche Beziehung
zu den Geschöpfen, zumal den Tieren, vertiefen können.
Den ersten Text hat uns der große indische Weise Ramakrishna
(1836-1886) geliefert.
Ein armer Bauernknabe kam zu einem heiligen Manne und wollte sich von
ihm belehren lassen, wie er Gott finden könne. Der Heilige antwortete:
"Liebe Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele."
Der Knabe erwiderte: "Ich habe Gott noch nie gesehen, ich kenne ihn nicht und
weiß nichts von ihm; wie kann ich ihn da lieben?"
Der Heilige forschte nun, was ihm wohl auf der Welt das Liebste sei, worauf der Knabe
erklärte, weder Vater noch Mutter, weder Geschwister noch Freunde zu haben.
Statt dessen besitze er ein Schäfchen, dem sein ganzes Herz gehöre.
Der heilige Mann war zufrieden und ermunterte den Knaben: "Sehr wohl, pflege du
dein Schäfchen und liebe es von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem
Gemüt, denn wisse, und denke immer daran, dass Gott im Herzen deines Schafes wohnt."
Darauf verdoppelte der Junge seine liebende Hingabe für sein
teures Schäfchen, eingedenk der Worte des Heiligen, Gott habe seine Wohnstätte
in dessen Herz.
Nach langer Zeit besuchte der heilige Mann den Knaben und erkundigte
sich, wie es ihm ergehe. Dieser begrüßte seinen Lehrer ehrfürchtig und sprach:
"Ehrwürdiger Meister, ich danke dir für deine Unterweisung. Ich bin froh, deine
Vorschrift genau befolgt zu haben, denn hin und wieder sehe ich in meinem Schäfchen eine
wunderschöne Gestalt mit vier Händen (Sinnbild der Gottheit), deren Anblick mich
über alle Maßen glücklich macht."
Eine Fülle von Tierlegenden durchzieht das Leben des heiligen Franz von
Assisi (1182 - 1226): von der Vogelpredigt bis zur Zähmung des Wolfes von Gubbio.
Ein früher Biograph, Thomas von Celano, schreibt über die Liebe
des heiligen Franz zu den beseelten und unbeseelten Geschöpfen:
"Was er in der geschaffenen Welt fand, führte er zurück auf den Schöpfer,
und durch das, was sich seinem Auge an Lieblichem bot, schaute er hindurch auf den
lebenspendenden Urgrund der Dinge.
... Mit unerhörter Hingebung und Liebe umfasste er alle Dinge, redete zu ihnen vom
Herrn und forderte sie auf zu seinem Lobe. ... Mit dem Namen "Bruder"
(und "Schwester", so im Sonnengesang) rief er alle Lebewesen, wenn er auch
von allen Tieren die zahmen bevorzugt liebte. Wer könnte hinreichend alles aufzählen?
Jene Urgüte, die einst alles in allem sein wird, erhellte ja diesem Heiligen schon
hienieden alles in allem."
In dritten Text versucht ein Benediktiner unserer Tage, David Steindl-Rast,
eine schlichte Wesensbestimmung von "Liebe" zu geben, in der auch die
Tierliebe ihren Platz hat.
"Wenn wir nach den Charakteristika von Liebe fragen, die für jede
ihrer Formen zutrifft, dann finden wir zumindest zwei:
ein Bewusstsein des Zusammengehörens und die aus ganzem Herzen kommende Annahme
dieses Zusammengehörens mit all seinen Folgen.
Dies zwei Charakteriszika sind für jede Art von Liebe typisch, von der Liebe zur Heimat bis zur
Liebe zu einem Haustier, während leidenschaftliche Anziehung nur für das Sich-verlieben
typisch ist. Liebe ist ein "Ja" aus ganzem Herzen zum Zusammengehören."
David Steindl-Rast, Fülle und Nichts. Von innen her zum Leben erwachen, Herder/Spektrum,
Band 5026, S. 180f.
Alle drei Texte aus der Welt der Religionen können, wiederholt gelesen und
durchdacht, hoffentlich eine Ermutigung für Sie sein, den Weg des Tierschützers beherzt
weiterzugehen. Dazu wünsche ich Ihnen Gottes Segen.
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